Immer wieder stellen wir uns Fragen wie „Gibt es einen verborgenen Sinn des Lebens, des Leidens usw.?“ Anders herum gefragt: Warum stellen wir uns diese Fragen überhaupt? Wie kommen wir eigentlich darauf, dass es keinen Sinn geben könnte?
Was das Leben sinnlos macht
Darauf fallen mir viele Antworten ein. Wir leben in einer Gesellschaft, die den Menschen nach seiner Zweckdienlichkeit und Leistungsfähigkeit bemisst. Es kommt darauf an, wie viele Stunden wir arbeiten, wie groß unser Bankkonto ist, wie gut wir aussehen, welche Schulnoten wir haben, wie viele Follower uns liken und wie viele Klicks wir erhalten.
Was hat das alles mit dem zu tun, wer wir wirklich sind, was wir uns wünschen und welche natürlichen Bedürfnisse wir haben? Hat irgendetwas davon einen Sinn, der unabhängig von materieller Absicherung oder materialistischer Anerkennung ist, die mich erst zur Gesellschaft "dazugehören" lassen?
Das Wesenhafte und Wesentliche
Als Menschen sind wir nicht nur erdgebundene Wesen, sondern wir haben auch einen Geist, ein Bewusstsein und eine Seele. All das sind wesenhafte „Dinge”, die uns mit etwas Übergeordnetem verbinden, die uns einbetten und teilhaben lassen an etwas, das über die dreidimensionale, materielle Welt hinausreicht. In der Regel ist es dieses Wesenhafte in uns, das nach Sinn fragt, weil es im täglichen Wettrennen um die Existenzsicherung keinen Sinn und keine Erfüllung finden kann.
Nie mehr Mangel?
Was wäre also, wenn es diese Staffelläufe unseres Daseins gar nicht mehr gäbe? Was, wenn keine Notwendigkeit mehr bestünde, den Lebensunterhalt zu „verdienen”? Der Begriff impliziert ja schon, dass man es nicht per se verdient hat, in Fülle zu leben, sondern seinen Wert unter Beweis stellen muss. Was wäre, wenn für uns alle alles zur Verfügung stünde, was wir brauchen?
Sinn transformiert Leid
Sicherlich kann man argumentieren, dass es im Leiden einen Sinn gibt. Dazu lässt sich sehr viel sagen und schreiben. Ein Argument dafür ist, dass wir die Gegensätze immer noch zu brauchen scheinen, um zu lernen. Da es Schmerz und Leid gibt, können wir überhaupt erst erfassen, wie schön Leichtigkeit und Freude sind. Zum anderen bewegt sich der Mensch ohne Leidensdruck in der Regel nicht aus seiner Komfortzone heraus. Vielleicht liegt diese fehlende Eigenmotivation aber auch daran, dass man einfach zu viele erdrückende Lasten angesammelt hat. Wie dem auch sei - ohne einen Sinn zu finden lässt sich Leid nicht transformieren. Ohne eine Vision oder ein Ziel, das über ein Problem hinausreicht, bleibt der Status quo bestehen.
Was sinnhaft ist
Die Wörter „Sinn“, „Sinne“ und „Sinnlichkeit“ haben denselben Wortstamm. Über unsere Sinne nehmen wir Kontakt auf zur Welt. Wir riechen, schmecken, fühlen, tasten, sehen und hören, erfahren und begreifen. Unsere Sinnlichkeit ermöglicht es uns, mit etwas in Beziehung zu treten, es kennen- und verstehen zu lernen. Weil wir es selbst nachvollziehen, bekommt es für uns eine Bedeutung und daher einen Sinn. Sinn entsteht also aus etwas, das wir verstehen und nachvollziehen können, weil wir eine Beziehung dazu aufgebaut haben. Und beziehungs- und wahrnehmungsfähig werden wir nur durch die Fähigkeit, sinnlich wahrzunehmen.
Erleben schafft Erfüllung
Bei Kleinkindern ist das sehr offensichtlich. Die Erfahrung ihrer Sinnlichkeit erfüllt sie vollständig. Wenn ein kleines Kind mit den Händchen den eigenen Fuß packt und sich die Zehen in den Mund steckt, erzeugt das nicht nur bei ihm, sondern auch beim beobachtenden Erwachsenen Neugierde und Freude. Und wie gerne sehen wir ihm dabei zu! Weil das reine Sein des Kindes so wunderschön zweck-frei ist. Während wir an seinen Entdeckungen teilhaben, fragen wir in der Regel nicht, ob es einen Sinn hat, dass es dieses Kind gibt, oder? Die Freude an ihm und an seiner Unmittelbarkeit gibt auch uns Sinn. Seine Freude wird zu unserer Freude und erfüllt uns.
Freude pur
Wenn es nichts mehr zu beweisen und zu leisten gäbe, könnten wir es uns wieder gönnen, wie Kinder zu sein, die ihren Sinn im Sein erfahren – vorausgesetzt, die Erwachsenen lassen sie. Diese Vorstellung mag ich sehr. Unabhängig davon, dass wir gesellschaftlich an einem anderen Punkt stehen, schlage ich vor, die Freude wiederzuentdecken. Das ist möglich, auch schon mit scheinbar kleinen Dingen: Zum Beispiel mit einer Blume am Wegrand, dem Lächeln eines anderen Menschen, dem Regenschirm in der Hand bei Regenwetter, der Lieblingsmusik, dem Duft von gutem Essen … Wenn dir das schwerfällt, dann finde jeden Tag drei Dinge, für die du dankbar bist: das Dach über deinem Kopf, das Bett, in dem du schlafen kannst, das Essen auf dem Tisch … Und dann rieche, schmecke, fühle, spüre, sehe, höre und taste es. Finde Sinn und erschaffe deine Welt – neu. So erweiterst du deine Möglichkeiten und findest neue Gestaltungsräume. Und auf diese Weise transformieren wir auch die Gesellschaft.